Junge Politiker – erfrischend anders
Junge Politiker – erfrischend anders
Diskussion in der IGS Franzsches Feld: Vertreter politischer Jugendorganisationen über den Arbeitsmarkt und Irak
Diese Diskussion hob sich vom übrigen Wahlkampfgeplänkel auf erfrischende Weise ab. Zu Gast in der Aula des IGS Franzsches Feld waren auf Einladung der Schülervertretung Politiker aus den Jugendorganisationen der Parteien. Sie diskutierten frei von jedem Fraktionszwang über Arbeitsmarktpolitik und den von den USA erwogenen Angriff auf den Irak.
Da gab es auch mal Akzente, die einem strammen Bundestagskandidaten nicht so einfach über die Zunge gehen. So räumte der 25-jährige Christian Dürr, Landesvorsitzender der Jungliberalen, ohne Zögern ein, am Reformstau auf dem Arbeitsmarkt sei die FDP in 16 langen Jahren Koalition nicht ganz unschuldig geblieben. Michael Budde, 29, Vorsitzender der Jungen Union Braunschweig, musste auf eine schwierige Frage aus dem Publikum (Schüler des 10. bis 13. Jahrgangs) antworten. Ob Bundestagskandidat Carsten Müller mit seiner zweifach wiederholten Aussage, unter UN-Mandat könne er sich auch einen begrenzten Einsatz von Nuklearwaffen vorstellen, nicht den Grundkonsens aller demokratischen Parteien verletze, nämlich Atomwaffen zu ächten. Budde: „Da kann ich unseren Kandidaten auch nicht rechtfertigen, er vertritt eine Einzelposition.“
Beifall in der Irak-Diskussion erhielt Victor Perli, 20, Landesvorsitzender von „solid“ (Zusammenrückung aus sozialistisch, links, demokratisch), der Jugendorganisation der PDS. Er holte, wohl vorbereitet, historisch aus und wies nach, dass es den USA beim Irakkonflikt um Öl gehe. Die 24-jährige Juso-Vorsitzende Anne Müller-Löfke erhielt Zustimmung als sie sagte: „Krieg ist keine Lösung“ und stattdessen „demokratische Vermittlungsversuche“ empfahl. Wie gefährlich Diktator Saddam Hussein einzuschätzen sei, darüber konnte sich das Podium nicht einigen – wie auch?
Moderator Fredegar Henze, Lehrer für Politik und Deutsch, wollte die persönlichen Gründe erfahren, warum sich junge Menschen politisch engagieren. Juso zu sein bedeute auch auf Konfrontation mit der SPD, gestand Anne Müller-Löfke, die „Überzeugungen“ für ihr Leben wichtig findet. „100 Prozent Spaß und 100 Prozent Politik“, verspricht sich der liberale Dürr. Ihm macht Politik offenbar soviel Spaß, dass er im Oldenburgischen für den Niedersächsischen Landtag kandidiert und gute Aussichten hat. Ehrlich kam auch Budde rüber, der sich zum konservativen Lager bekannte, durch einen „Kumpel“ mal zur Jungen Union mitgenommen wurde. „Inhalte sind mit Personen verknüpft und manche Personen fallen durch“, gestand er freimütig. Seit März ist er Vorsitzender der Jungen Union, wie alle anderen im Podium Student.
Victor Perli aus Kissenbrück hat sich im Parteienspektrum umgesehen und in der PDS „das kleinste Übel“ gesehen. Er will sich, wie die Vertreterin der Jusos, vor allem sozial engagieren. Der Moderator gab mit seiner ersten Frage: „Warum gibt es vier Millionen Arbeitslose in Deutschland“ eine harte Nuss zu knacken. Von Deregulierung (Juli), über Steuersenkungen (Junge Union), Reichtum von oben nach unten verteilen (solid), bis zum Jump-Programm gegen Jugendarbeitslosigkeit (Juso) reichten die Konzepte. Die jungen Leute konnten ihre Standpunkte eloquent begründen, Vorbildwirkung garantiert.
Notiz: Ergebnis der anschließenden SchülerInnen-Wahl:
SPD: 51,90%
Grünen: 23,6%
PDS: 11,4%
FDP: 5,5%
CDU: 2,7%
Ungültig wurden 4,7% der Stimmen abgegeben.
(Braunschweiger Zeitung, 5.September 2002)






