Interview: Linke Lieder gegen rechte Töne
Jugendverband will mit 50 000 CDs alternative Jugendkultur in den Regionen stärken
Interview mit Victor Perli: der 22-jährige Student ist Bundessprecher des PDS-nahen Jugendverbandes [`solid]
>War es schwer, in diesen Zeiten 17 namhafte Bands auf einer CD zu vereinen, die den Titel »Aufmucken gegen rechts« trägt?
Unsere CD ist eine Reaktion auf die »Aktion Schulhof«, bei der Neonazis und Freie Kameradschaften geplant hatten, eine CD mit rechter Musik in einer Auflage bis zu 250 000 Stück vor Schulen zu verteilen. Das können wir als junge Linke nicht hinnehmen. Angeschriebene Künstler haben uns spontan einen kostenlosen Song zur Verfügung gestellt, der sich meist mit der Thematik auseinander setzt. Zur Umsetzung und Finanzierung haben wir gemeinsam mit Bündnispartnern eine Spendenkampagne initiiert und waren überrascht über die positive Resonanz.
>Das musikalische Spektrum reicht von Hip-Hop über Reggae und Pop bis zu Liedermachern. Soll das Publikum auch so bunt sein?
Ziel ist es mit einer kulturellen Offensive von links breite Schichten junger Menschen anzusprechen und sie dazu einzuladen, die politische Message und ihre Hintergründe zu reflektieren. So wollen wir rechter Jugendkultur das Wasser abgraben.
>Kommt explizit linke Musik bei Jugendlichen überhaupt noch an?
Die CD ist ein Versuch, die alternative Jugendkultur in den Regionen zu stärken. Es nützt nichts, nur schlaue Papiere zu schreiben, die hinterher niemand liest. Sondern es ist ganz wichtig, nicht nur die Köpfe sondern auch die Herzen junger Menschen zu erobern, um zu zeigen, dass Antifaschismus populär ist.
>Und wie werden die CDs unter die Leute gebracht?
Wir planen zum Beispiel eine Bustour durch die Sächsische Schweiz, wo sich bei den Landtagswahlen ein hohes rechtes Potenzial gezeigt hat. Dort und anderswo wollen wir gezielt an Jugendzentren und Schulen gehen und die CDs verteilen.
>Nur verteilen?
Nein. Unsere Ortsgruppen und Bündnispartner planen lokale Infoveranstaltungen und Konzerte gegen Rechts. Außerdem haben wir ausführliches Info- und Hintergrundmaterial zusammengestellt. Dabei haben unter anderem Rechtsextremismus-Experten wie Prof. Christoph Butterwegge oder Klaus Farin vom Archiv der Jugendkulturen Gastbeiträge geschrieben.
>Bleibt die Aktion einmalig?
Sie ist eingebettet in eine langfristig angelegte Kampagne, da es unbedingten Handlungsbedarf gibt. Junge Menschen sollen ermutigt werden vor Ort selbst gegen Rechts aktiv zu werden und eine antifaschistische Gegenkultur zu entwickeln, um junge Leute aus der gähnenden Leere von Bushaltestellen-Treffpunkten herauszuholen.
>Wie ist die Nachfrage?
Die Nachfrage ist ungebrochen hoch. Bei uns melden sich jeden Tag SchülerInnengruppen, sogar aus Österreich. Wir versuchen allen ein Kontingent zur Verfügung zu stellen. Ein Teil geht auch an die Jugendgewerkschaften, die in Betrieben die Auseinandersetzung mit gefährdeten Jugendlichen suchen.
>Es sind ja nur 50000 Stück produziert worden – wird es vielleicht einen Nachschlag geben?
Eine baldige Wiederholung ist auf Grund des finanziellen Aufwands nicht geplant. Dennoch gilt es an der Popularität und Zielgruppenwirksamkeit dieser Aktion anzuknüpfen, nicht zuletzt um die Attraktivität der jungen Linken allgemein, und von ['solid] im Besonderen, zu stärken.
Fragen: Anke Engelmann
Solid e.V., Konto: 439 385 1500, BLZ: 100 200 00 (Berliner Bank), Kennwort: CD-Projekt-Spende
http://www.aufmucken-gegen-rechts.de
[ Neues Deutschland, 03. November 2004]






