»Wir müssen den Fokus auf die Gemeinsamkeiten legen«
23.05.2007 / Inland / Seite 8
http://www.jungewelt.de/2007/05-23/034.php
Linksjugend [’solid] konnte sich trotz zum Teil schwerer Differenzen gründen. Ein Gespräch mit Victor Perli*
Die Linksjugend [’solid] konnte sich am vergangenen Wochenende nur mit einer sehr knappen Zweidrittelmehrheit konstituieren. Warum war die Gründung so schwierig?
Alle Beteiligten sind sehr glücklich, daß es gelungen ist, gemeinsam den Jugendverband zu gründen. Daß wir die notwendige Zweidrittelmehrheit nur knapp erreicht haben, hat vor allem zwei Ursachen. Erstens gibt es einen Konflikt, ob linke Basis-, Bewegungs- und Bündnispolitik das vordringliche Ziel des neuen Jugendverbands sein soll oder die Parteiorganisierung.
Zweitens waren einige Delegierte unzufrieden, weil zentrale Fragen, zum Beispiel der Streit um den neuen Namen oder die Zusammensetzung des Bundessprecherrats nicht im Plenum, sondern im Hinterzimmer vorentschieden werden mußten, um den Ausstieg der »Jungen Linken« aus Sachsen und Berlin-Brandenburg zu verhindern.
Welche inhaltlichen Auseinandersetzungen liegen dem zugrunde?
Neben den gemeinsamen Zielen und Idealen gibt es offene Differenzen. Über manches wundere ich mich sehr, zum Beispiel über den Vorwurf des Antiamerikanismus bei Kritik an der US-Außenpolitik oder über die Bezeichnung von Hugo Chávez als antiemanzipatorisch. Aus meiner Sicht setzt die Regierung Venezuelas auf Basisorganisierung und direkte demokratische Elemente, um etwa ein kostenloses Gesundheits- und Bildungssystem für alle durchzusetzen. Die »Junge Linke« hat andererseits selbst nach der herben Wahlschlappe keinerlei Probleme mit dem »rot-roten« Senat in Berlin.
Welche Rolle spielt die »Junge Linke«, wie stark ist sie zahlenmäßig, und welche Rolle spielen die Bundestagsabgeordneten Michael Leutert und Katja Kipping dabei?
»Junge Linke« gibt es im wesentlichen in Berlin-Brandenburg, in Sachsen und im Saarland. Die »junge Linke Sachsen« ist lange etabliert und wurde von Katja Kipping und Michael Leutert mit aufgebaut. Beide haben sich aber vor Jahren zurückgezogen. Sie waren jetzt wegen der Altersgrenze 35 wieder mit dabei. Unter 35jährige Mitglieder der neuen Linkspartei sind automatisch passives Mitglied im Jugendverband.
Auf welche Mitgliederzahl kommt der Jugendverband dadurch?
Wir gehen von rund 3 500 aktiven Mitgliedern aus -– mit den passiven wären wir schnell 6000 bis 7000. Unsere Zielrichtung ist vorerst 10000 Mitglieder. Aus dem Spektrum von [’solid] kommen 2000 Jugendliche. Die »Jungen Linken« haben rund 500 mitgebracht.
Wie stellt ihr euch die Zusammenarbeit in dem gemeinsamen Jugendverband vor?
Politische Mehrheiten werden sich herauskristallisieren, aber wir müssen den Fokus auf die Gemeinsamkeiten legen. Wir wollen Anlaufpunkt für linke und sich politisierende Jugendliche werden, dem Vormarsch rechter Jugendcliquen eine politische und kulturelle Offensive der Linken entgegensetzen. Wir fordern soziale Mindeststandards und ein Bildungswesen, in dem junge Menschen nicht mehr aussortiert und aufgegeben werden.
Die »Links!WASGeht-Jugend« hat auf dem Gründungskongreß eine Vermittlerrolle übernommen. In dem Konflikt wollte sie sich nicht positionieren …
Die WASG-Jugend bringt wichtige Impulse für die gewerkschaftliche und betriebliche Verankerung in den Verband ein. Sie wollte die Vereinigung der linken Jugendverbände, weil nur eine vereinte Linksjugend wirklich attraktiv ist. Ich habe Respekt vor diesem Agieren, weil sie ihre eigenen Ansprüche in den Hintergrund und den Weg zum Erfolg in den Vordergrund gestellt haben.
Welche politischen Schwerpunkte will der Jugendverband in nächster Zeit setzen?
Zunächst mobilisieren wir zum Gipfel der Ungerechtigkeit nach Heiligendamm. Dazu haben wir mit etablierten und jungen Künstlern 20 000 CDs produziert, die zur Zeit bundesweit kostenlos verteilt werden. Wir sind überzeugt, daß die Idee einer Welt ohne Armut, Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg durch keinen Zaun zu stoppen ist. Wir stehen am Anfang einer ausführlichen Programmdebatte und wollen alle jugendlichen Linken einladen, mit zu überlegen, wie wir uns die Selbstbestimmung über unser Leben zurückholen können. Wir wollen nicht mehr schuften, mehr zahlen und uns auf eine unsichere Zukunft einstellen. Kurz: Wir wollen, daß der Mensch nicht weiter dem Diktat des freien Marktes ausgeliefert ist.
Interview: Claudia Wangerin
* Victor Perli ist Mitglied des BundesprecherInnenrats des am vergangenen Wochenende gegründeten Jugendverbandes Linksjugend [’solid]







