CDU-Kandidat geht, weil Schüler auch LINKEN hören wollen
CDU-Kandidat flüchtet, weil Schüler auch Victor Perli auf Podium haben wollen. Andere Kandidaten bleiben:
SPD-Kandidatin: “Ich hätte nicht mit der NPD diskutiert, aber ich habe keine Probleme, mich mit Viktor Perli auseinanderzusetzen.”
FDP-Kandidat: “Ich kenne Viktor Perli noch aus der Schule. Ich habe immer gerne mit ihm diskutiert.”
Grüne-Kandidat: “Ich begrüße, dass Viktor Perli hier sitzt.”
Am gestrigen Freitag entschieden bei einer Podiumsdiskussion 50 SchülerInnen des Gymnasiums “Große Schule” durch eine demokratische Abstimmung, dass auch der LINKE mit aufs Podium soll. Nur vier sprachen sich dagegen aus, darunter Oesterhelwegs Begleiterin Kathrin Rühland, die auch die stellvertretende Bürgermeisterin Wolfenbüttels ist.
Zuvor hatte ich mich in den Zuschauerbereich gesetzt, da die veranstaltende Wolfenbütteler Zeitung nur die Landtagsparteien eingeladen hatte. Dennoch war mein Erscheinen eine klare Ansage: Hier ist DIE LINKE. Man kommt an uns nicht mehr vorbei. Man kann uns nicht mehr ausgrenzen. Denn ebenfalls gestern hatten die Zeitungen in Niedersachsen getitelt: “Umfragen: Die Linke schafft Einzug in den Landtag”.

Unmittelbar nach der offenen Abstimmung gaben die SchülerInnen in geheimer Wahl ein Votum zu den Kandidaten ab. Offenbar aufgrund der besonderen Situation gewann in Runde 1 “andere Partei” mit 32,0 Prozent vor “keine Meinung” mit 24,0 und Frank Oesterhelweg mit 18,0 Prozent. DIE LINKE stand nicht auf dem Stimmzettel, dass sie mit “andere Partei” gemeint war, wussten alle im Raum.
Kaum hatte ich nach diesen Voten auf dem Podium Platz genommen, stand Oesterhelweg erregt auf, sprach von der DDR, Bautzen und dass er nicht mit LINKEN und NPD diskutieren wolle. Eine Erwiderung meinerseits würgte er ab (“Ich diskutiere darüber nicht.”) und verließ mit zwei Mitarbeitern den Veranstaltungsort.
Ich habe zu diesem Sachverhalt schon viel gesagt und geschrieben. Dass, wer LINKE und NPD gleichsetzt, die Nazis, Rassismus und Faschismus (mit mehreren dutzend Millionen Toten) massiv verharmlost, ist offensichtlich. Dass sich die CDU an anderen Orten ganz anders zur LINKEN verhält und in Cottbus, bei der Wahl des Oberbürgermeisters sogar ein Bündnis mit ihr eingegangen ist, wissen aber schon wesentlich weniger.
Worum es hier geht, ist offensichtlich. Solange man DIE LINKE fortwährend mit Dreck beschmeisst, soll eine Ausgrenzung normal bleiben und sie – aus Sicht der CDU – als potentieller Koalitionspartner der SPD ausgeschaltet werden. Frank Oesterhelweg hat seine Macht überschätzt. Er wurde bei der Endabstimmung abgestraft. Es steht ihm nicht zu, zu entscheiden, ob DIE LINKE an Podien teilnimmt oder nicht. Ich hoffe dieser Vorgang war für alle Beteiligten eine Lehre und ein Schritt nach vorne für die demokratische Kultur in Wolfenbüttel.
Die Wolfenbütteler Zeitung berichtete heute mit einer drei Artikel umfassenden Sonderseite. Neben der Berichterstattung zur Diskussion befasst sich ein Beitrag mit der Frage, ob man mit der LINKEN diskutieren solle und interessanten Kommentaren der anderen Parteien. Außerdem spricht der Chefredakteur in einem Kommentar von “einem Stück praktischer Demokratie”, von “Stoff für den Politikunterricht” und bedauert den Abgang von Oesterhelweg.
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Oesterhelweg: Keine Diskussion mit Extremisten
CDU-Kandidat geht – Andere Bewerber bleiben
WOLFENBÜTTEL. Ungeplanter Verlauf der Schüler-Diskussionsrunde unserer Zeitung mit Landtagskandidaten des Wahlkreises 9 gestern im Bildungszentrum: Vorgegeben war eine Beschränkung auf die vier im Landtag vertretenen Parteien. Ein Jugendlicher – Angehöriger der Linken, wie die Nachfrage ergab – regte an, auch Linke-Kandidat Victor Perli, der sich ebenfalls unters Publikum gemischt hatte, einzubeziehen. In einer Abstimmung votierte die deutliche Mehrheit der Schüler dafür – die Schule hatte den Besuch der Veranstaltung auch mit dem Anspruch verbunden, den Schülern Demokratie praktisch erlebbar zu machen. Das Ergebnis: CDU-Bewerber Frank Oesterhelweg hielt an seiner wiederholt geäußerten Absage an rechte wie linke Extremisten fest und verließ die Veranstaltung. Die übrigen Kandidaten blieben.
“Wir nehmen grundsätzlich nicht an Veranstaltungen teil, bei denen wir mit Extremisten an einem Tisch sitzen”, sagte Frank Oesterhelweg: “Ich bin gegen die Braunen. Und ich weiß auch: Nicht jeder in der Linkspartei ist ein Kommunist. Aber es gibt in dieser Partei auch DDR-Fans. Wer sich heute mit solchen Leuten einlässt, der läuft Gefahr, dass andere demokratische Kräfte sich nicht mit an einen Tisch setzen.”
SPD-Kandidatin Dörthe Wedigge-Degenhard sagte: “Ich hätte nicht mit der NPD diskutiert, aber ich habe keine Probleme, mich mit Viktor Perli auseinanderzusetzen.” In der Partei der Linken seien viele Ehemalige Gewerkschafter Mitglied geworden: “Mit deren Argumenten setze sich mit gerne auseinander.”
Auch Bertold Brücher, Landtagskandidat der Grünen, nahm Stellung zu den Partein am rechten und linken Rand des politischen Spektrums. “Ich begrüße, dass Viktor Perli hier sitzt”, sagte er, nachdem der Kandidat der Linken auf dem Podium in der Mitte Platz genommen hatte. Man müsse die Diskussion eben auch mit Vertretern extremer Positionen führen: “Ich würde auch auf diesem Platz sitzen, wenn die NPD hier wäre.”
“Ich kann Frank Oesterhelweg verstehen”, sagte Björn Försterling. Der Kandidat der FDP wollte dennoch nicht alle Mitglieder der LinksPartei über einen Kamm geschoren sehen. ” Ich weiß, dass nicht alle mit der DDR zu tun haben.”
Für ein gemeinsames Gespräch spreche auch die persönliche Vergangenheit. “Ich kenne Viktor Perli noch aus der Schule. Ich habe immer gerne mit ihm diskutiert.”
Viktor Perli wehrte sich gegen Vergleiche mit der NPD. “Ich komme dem demokratischen Votum gerne nach, sagte er vom Podium aus. “Wenn man uns mit der NPD gleichsetzt, verherrlicht man den Nationalsozialismus. Ich hätte gerne mit Frank Oesterhelweg diskutiert.”
kr/tst
Braunschweiger Zeitung, Wolfenbuettel, 19. Januar 2008, Wolfenbüttel Lokales, Seite 75
Wahlergebnisse:
vor der Diskussion: 50 abg. Stimmen
nach der Diskussion: 53 abg. Stimmen (1 ungültig)
Frank Oesterhelweg (CDU)
vorher: 18,0%
nachher: 7,7%
Dörthe Weddige-Degenhard (SPD)
vorher: 12,0%
nachher: 32,7%
Björn Försterling (FDP)
vorher: 8,0%
nachher: 13,5%
Bertold Brücher (Grüne)
vorher: 6,0%
nachher: 11,5%
Andere Patei
vorher: 32,0%
nachher: 23,1%
Keine Meinung
vorher: 24,0%
nachher: 11,5%






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