Die erste Rede: Integrierte Gesamtschulen jetzt flächendeckend einführen!
Mittwoch, 9. April 2008 – Plenum Niedersächsischer Landtag
Vizepräsident Hans-Werner Schwarz: Nach der Reihenfolge der Redner kommt jetzt Herr Perli von der Fraktion DIE LINKE zu Wort. Die Fraktion DIE LINKE hat noch eine Redezeit von 4:30 Minuten. Herr Perli, Sie haben das Wort.
Victor Perli (LINKE): Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Eines ist in dieser Debatte sehr deutlich geworden: Das niedersächsische Schulwesen, so wie es existiert und wie es die Regierung Wulff maßgeblich zu verantworten hat, offenbart sein Versagen jeden Tag aufs Neue.
(Zustimmung bei der LINKEN und bei den GRÜNEN)
Es bedarf dringender Veränderungen. Das weiß der Ministerpräsident am besten, schließlich hat er die Debatte, die wir jetzt führen, im Wahlkampf angeschoben. Wenn dann gesagt wird, z. B. von Herrn Försterling, dass das Schulkonzept von CDU und FDP gewählt worden sei, dann frage ich: Welches Konzept denn?
(Beifall bei der LINKEN und Zustimmung bei den GRÜNEN – Ursula Helmhold [GRÜNE]: Chimären von Gesamtschulen!)
Sie haben dieses Konzept doch völlig delegitimiert, indem Sie im Wahlkampf von der Wiedereinführung von Gesamtschulen gesprochen haben. Ein Schulsystem, dessen erstes Grundprinzip die Selektion nach habituellen Leistungskriterien ist, ist völlig ungeeignet, um Menschen in einer hochgradig arbeitsteiligen und demokratischen Gesellschaft umfassend zu bilden und zusammenzuführen.
(Zustimmung bei der LINKEN)
Lassen Sie mich einige Beispiele anführen. Das gegliederte Schulwesen ist nicht in der Lage, allen Jugendlichen zu Schulabschlüssen und damit zu mehr Zukunftschancen zu verhelfen. Es versagt viel zu häufig auch bei der Integration von Kindern aus Zuwandererfamilien, und das selbst in der zweiten und dritten Generation. Es benachteiligt diese Kinder strukturell. Sie werden überdurchschnittlich häufig zu unfreiwilligen Schulabbrechern und Schulabbrecherinnen. Beim Schulpreisträger 2007 hingegen, der Hildesheimer Robert-Bosch-Gesamtschule, beendet keine einzige Schülerin und kein einziger Schüler die Schullaufbahn ohne einen Abschluss.
(Beifall bei der LINKEN und bei den GRÜNEN)
Wenn die Struktur und die Lehrmethoden dieser Schule endlich zu einem Standard werden könnten, gäbe es auch kaum noch Jugendliche, die sich mit Gewalt und Diebstählen über Wasser zu halten versuchen, weil sie echte Perspektiven für ein Leben in sozialer Sicherheit hätten. Herr Schünemann könnte sich darauf konzentrieren, das NPD-Verbotsverfahren erfolgreich durchzubringen, und müsste sich nicht alle paar Monate mit populistischen Straf-, Sanktions- und Abschiebeideen zu Wort melden. Wir können morgen noch einmal ausführlich darüber diskutieren.
(Beifall bei der LINKEN)
Ich will an dieser Stelle noch einen anderen Blick auf die IGS-Debatte werfen. Wie Sie hoffentlich alle wissen, herrscht an den Gymnasien in Niedersachsen Aufregung und Entrüstung über die G8-Reform: Chronische Überlastung, Stress und Krankheitssymptome sowie ein zunehmender Verlust von Freizeit und Hobbys sind allgegenwärtig. Schulleitungen, Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler sind sich einig: Die Umstellung auf das Abitur nach zwölf Jahren ist eine einzige Katastrophe. Bei dieser Reform handelt es sich um die endgültige Zementierung der Fast-Food-Kultur im deutschen Bildungswesen, die da heißt: immer mehr Anforderungen bei immer weniger Zeit zu verschreiben.
(Beifall bei der LINKEN – Ursula Helmhold [GRÜNE]: Bulimie-Lernen heißt das neuerdings!)
Die Betroffenen haben diese Entwicklung satt. Anstatt solch ungesunder Kost wird es Zeit für Entschleunigung und Genuss auch und gerade in der Bildung. Bestehende und integrierte Gesamtschulen überlassen den Schülern die Wahl, das Abitur erst nach 13 Jahren anzustreben. Schaffen Sie diese Wahlmöglichkeit überall! Geben Sie diesen jungen Leuten ihr Leben zurück!
(Beifall bei der LINKEN)
Meine Damen und Herren von CDU und FDP, überall in Europa haben konservative und liberale Parteien fortschrittlichere Schulpositionen als hierzulande, nicht erst seit den Pisa-Studien. Das zeigt: Von überlieferten Positionen aus dem Kaiserreich Abschied zu nehmen, ist keine Blamage, sondern es ist blamabel, daran festzuhalten.
(Beifall bei der LINKEN)
Ermöglichen Sie endgültig und jetzt die flächendeckende Einführung von integrierten Gesamtschulen sofort zum Schuljahr 2008/2009!
Vielen Dank.
(Beifall bei der LINKEN)






Sehr schön!
Gibt’s davon auch ‘nen Video?
Nein, in der Hinsicht ist die Webpräsenz des Landtags leider noch technisches Mittelalter.